Von Wertschätzung und vom Neinsagen

Von Wertschätzung und vom Neinsagen

30. Oktober 2018 18 Von Ronja

[Werbung – steckt hier wahrscheinlich auch wieder irgendwo drin]

Seit ich nähe, ist das ein Thema, das immer präsent ist und mich beschäftigt. Dabei geht es oft nicht nur ums (gewerbliche) Nähen, das ich nebenbei mache (aber auch hier: Stichwort Preisgestaltung), sondern vor allem um alltägliche Begegnungen und Erwartungen in meinem Umfeld. Nähen ist mein Hobby, vielleicht mehr als das, und mittlerweile sogar ein Nebeneinkommen.

Ganz ganz oft erlebe ich Situationen, in denen Menschen mir Arbeit aufdrängen wollen, die sonst ein (Änderungs)Schneider für kleines Geld machen würde. Hosen kürzen, etwas enger machen, Vorhänge nähen, Reißverschluss reparieren. Und irgendwie klingt das oft so, als würden sie mir damit einen Gefallen tun wollen. Ich nähe ja so gerne, da habe ich sicher Spaß dran. Ist ja auch schnell gemacht. Oder aber: Der Schneider nimmt da so viel für, total überteuert, Abzocke. Da kriegt man ja schon fast was neues für. Oft auch eine reine Information: Ich bringe dir demnächst mal meine Hose/Jacke/whatever mit, ist nur eine Kleinigkeit.

Nein.
Ich will das nicht.

Meistens kommt sowas von Menschen, die ich bestenfalls als Bekannte bezeichnen würde und es fällt mir heute nicht schwer, einfach Nein zu sagen. Aber auch das musste ich erst lernen. Vielen Menschen habe ich viele Gefallen getan, die letztlich als selbstverständlich erachtet wurden. Für mich waren das oft viele Stunden Arbeit.

Ich bin nicht die Person, zu der du kommst, wenn du etwas billig oder umsonst erledigt haben möchtest.

Bist du mein Freund und ich habe gerade Zeit und Lust, werde ich gerne deine Hose kürzen, wenn du mich nett fragst. Als Bezahlung nehme ich ein aufrichtiges Danke. Kaffee geht auch.

Es ist in erster Linie die Selbstverständlichkeit, die mich ärgert. Ich bin ein hilfsbereiter Mensch, ich helfe wirklich gerne, wenn ich kann. Aber ich möchte auch wertgeschätzt werden, wenn ich Zeit und Energie in etwas investiere.

Und auch im Shop oder offline beschäftigt mich das Thema immer wieder, wenn es um Preisgestaltung geht. Ich werde häufig gefragt, ob ich Aufträge annehme. (Ja, gerne.) Als nächstes kommt die Frage nach dem Preis, die für mich immernoch schwer zu beantworten ist. In der Regel finde ich einen Kompromiss, mit dem ich gut leben kann.

Wichtige Faktoren für die Preisgestaltung sind Zeit und Kosten, die mir entstehen. Als unvollständige Auflistung sieht das folgendermaßen aus:

Zeit

  • Stoffauswahl
  • ggf. Vorwaschen, Bügeln
  • Zuschneiden, Verstärken
  • Nähen (bügeln, nähen, bügeln, nähen, bügeln …)
  • Fotografieren
  • Bilder bearbeiten
  • Produktbeschreibungen, in den Shop einpflegen
  • Bestellungen verpacken, zur Post bringen
  • Fragen beantworten/ Sonderwünsche besprechen /…

Material/Kosten

  • Stoffe, Verstärkung, Reißverschlüsse, Garn etc.
  • Papier, Verpackung
  • Shop Gebühren
  • Payment Gebühren
  • diverse andere (Verpackungslizensierung, Visitenkarten, Versandkosten von Materialbestellungen …)

Am Ende sind die Zeit die ich allein zum Nähen brauche und die reinen Materialkosten für den Artikel nur ein kleiner Teil des Gesamtaufwands, der mir entsteht.  Dabei einen Preis zu finden, den auf der einen Seite jemand bereit ist zu zahlen und mit dem ich, auf der anderen Seite, gut leben kann, ist ein kleiner Spagat. Im Falle vom Etsy Shop ist das noch relativ einfach. Ich biete meine Artikel zu einem festen von mir kalkulierten Preis an. Entweder kauft jemand bei mir, weil es ihm das wert ist oder halt nicht. Da der Verkauf dort nicht meine Existenzgrundlage ist, ist das in Ordnung.

Etwas schwieriger ist es, wenn ich aus meinem direkten Umfeld von Person X gefragt werde, ob ich etwas nach ihrer Vorstellung nähen kann. Dort kosten mich die Planung und evtl. Prototypen Zeit und Material. In den Köpfen vieler Menschen nähe ich einfach das, was sie haben wollen aus dem Kopf und alles passt sofort perfekt. Aber auch hier habe ich gelernt, Preise so anzusetzen, dass es mir im Nachhinein nicht Leid tut. Werden wir uns nicht einig, muss Person X sich das neue Portemonnaie woanders kaufen.

 

Und das alles lässt sich auf so viele Bereiche übertragen. Überall wo Menschen etwas leisten, haben sie mit der Geiz-ist-geil-Mentalität der Gesellschaft zu kämpfen und auch wenn sich bei vielen langsam ein Wandel und Umdenken bemerkbar macht, scheint es noch ein langer Weg zu sein.

Ebenfalls im Näh- und DIY Bereich, ist gerade die Gebührenerhöhung für Designer bei Makerist in Kombination mit den regelmäßigen 2 € Aktionen ein großes Thema. Viele Designer nehmen schon länger nicht mehr an diesen Aktionen teil und aktuell liest man die Hashtags #no2euro oder #fairkaufen auf vielen Blogs und den sozialen Netzwerken immer häufiger. Im Grunde geht es darum, dass Makerist schon lange mit absehbarer Regelmäßigkeit (ich glaube, alle 3 Monate, korrigiert mich bitte) mit 2 € Aktionen wirbt, bei der alle Anleitungen teilnehmender Designer zu diesem Preis angeboten werden. Kein Schnittersteller ist verpflichtet, daran teilzunehmen. Wer es jedoch nicht tut, geht natürlich ganz schnell unter in der Masse. Auch die Käufer wissen, dass die nächste Aktion in kurzer Zeit wieder stattfinden wird, kaufen in der Zwischenzeit kaum noch Ebooks zu regulären Preisen und schlagen dann wieder zu. Für den Designer bleibt nach allen Abzügen bei so einer Aktion fast nichts übrig. Da wird er sich irgendwann vielleicht überlegen, ob es nicht einfacher und sorgenfreier geht und die Selbstständigkeit an den Nagel hängen.

 

Wir als Käufer möchten aber bitte trotzdem immer mehr und neue professionelle Schnittmuster und Anleitungen geboten bekommen, nur bitte nicht so teuer. Wo wir billig kaufen, zahlt immer jemand auf die ein oder andere Art drauf. Und dort, wo wir Qualität erwarten, sollten wir auch bereit sein, einen fairen Preis zu bezahlen.

Ich finde das so so richtig und wichtig, wie viele Designer jetzt reagieren (und auch viele ihrer Kunden!). Wir sollten die Arbeit anderer viel mehr wertschätzen (und auch unsere eigene).

 

Fotos: Artikel aus meinem Etsy Shop
Schnittmuster: Meine eigenen
Stoffe und Material: Kokka, Sevenberry, Snaply
Verlinkt: Creadienstag